Sind wir uns selbst ausgeliefert?
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ToggleWir alle kennen solche und ähnliche Situationen:
Eine kleine Bemerkung in einem Gespräch, ein kritisches E-Mail, eine scheinbar harmlose Situation im Alltag oder im Beruf oder wichtige bevorstehende Ereignisse.
Und plötzlich reagieren wir viel stärker, als wir eigentlich möchten. Ärger steigt auf. Der Puls beschleunigt sich. Gedanken beginnen zu kreisen. Man fühlt sich innerlich angespannt oder vielleicht sogar überfordert.
Wenn wir unter Druck geraten, entwickelt unser Organismus Stresssymptome auf der
körperlichen, geistigen und seelischen Ebene.
Oft fragen wir uns dann:
Warum reagiere ich eigentlich so stark?
Und: Kann ich das überhaupt beeinflussen?
Doch: In vielen Fällen hat diese Reaktion weniger mit der aktuellen Situation zu tun, als wir denken.
Kurzfassung:
Warum stressen uns Kleinigkeiten oft so stark?
Oft hat das weniger mit der aktuellen Situation zu tun, als wir glauben. Unser Gehirn speichert wichtige Erfahrungen in neuronalen Netzwerken. Diese wirken wie „Autobahnen“, auf denen unser Nervensystem in bestimmten Situationen automatisch reagiert – häufig schneller, als unser bewusstes Denken eingreifen kann.
Stress ist dabei grundsätzlich etwas Sinnvolles: Er gehört zu unserem biologischen Schutzsystem. Problematisch wird es jedoch, wenn unser Nervensystem immer wieder in ähnlichen Situationen stark aktiviert wird und wir das Gefühl haben, darauf keinen Einfluss zu haben.
Die gute Nachricht: Unser Gehirn bleibt ein Leben lang veränderbar. Durch gezielte Selbstregulation kann unser Nervensystem lernen, anders auf Belastungen zu reagieren.
So entsteht Schritt für Schritt mehr Gelassenheit im Alltag und im Beruf.
Unser Gehirn speichert Erfahrungen
Unser Gehirn ist ein faszinierendes Organ. Es ist nicht statisch, sondern lebenslang lernfähig. Ein großer Teil seiner Strukturen wird nicht genetisch bestimmt, sondern entsteht durch Erfahrungen.
Alles, was wir erleben, hinterlässt Spuren im Gehirn. Erfahrungen werden in Netzwerken von Nervenzellen gespeichert – neuronalen Netzwerken. Je häufiger eine Erfahrung gemacht wird oder je intensiver sie war, desto stabiler wird dieses Netzwerk.
Man kann sich das ein wenig wie Straßen vorstellen:
Je öfter eine Strecke benutzt wird, desto breiter und schneller wird sie. Im Gehirn entstehen sozusagen „Autobahnen“ für bestimmte Reaktionsmuster. Deshalb reagieren wir in vielen Situationen automatisch – auf Basis früherer Erfahrungen.
Der größte Teil läuft unbewusst ab
Ein wichtiger Punkt dabei: Der größte Teil unserer inneren Prozesse läuft unbewusst ab.
Schätzungen aus der Neuropsychologie gehen davon aus, dass etwa 90 bis 95 Prozent unserer inneren Prozesse außerhalb unseres bewussten Denkens stattfinden.
Das Unbewusste steuert unter anderem:
- Gewohnheiten
- emotionale Reaktionen
- viele unserer Entscheidungen
- körperliche Prozesse
- und auch Stressreaktionen
Während unser bewusstes Denken oft mit dem präfrontalen Kortex verbunden wird, sind viele automatische Reaktionen in tieferliegenden Strukturen des Gehirns verankert, zum Beispiel im limbischen System.
Das bedeutet:
Unser Körper und unser Nervensystem reagieren oft schneller als unser Verstand.
Stress ist grundsätzlich etwas Sinnvolles
Stress hat grundsätzlich eine wichtige Funktion. Er gehört zu unserem biologischen Schutzsystem.
Wenn wir unter Druck geraten oder eine Situation als bedrohlich wahrnehmen, aktiviert unser Nervensystem automatisch eine Stressreaktion. Diese hilft uns, schnell zu handeln, aufmerksam zu sein und Energie zu mobilisieren.
Problematisch wird es dann, wenn Stress dauerhaft aktiviert bleibt oder wenn unser Nervensystem auch in Situationen reagiert, die objektiv gar nicht mehr gefährlich sind. Viele Menschen erleben genau das:
In bestimmten Situationen kommt immer wieder eine ähnliche Stressreaktion hoch – fast wie ein Autopilot.
Körper und Gehirn arbeiten eng zusammen
Dabei spielt nicht nur das Gehirn eine Rolle. Auch der Körper ist stark beteiligt.
Unser Nervensystem besteht aus verschiedenen Bereichen, unter anderem dem Sympathikus und dem Parasympathikus, die Teil des vegetativen Nervensystems sind.
Besonders interessant ist der sogenannte Vagusnerv, der zehnte Hirnnerv. Er übermittelt einen großen Teil der Informationen vom Körper zum Gehirn.
Schätzungen gehen davon aus, dass rund 80 Prozent der Informationen über diesen Weg vom Körper zum Gehirn gelangen.
Das zeigt:
Die Verbindung zwischen Körper und Gehirn ist sehr eng. Körperliche Signale beeinflussen ständig unsere inneren Zustände. Deshalb kann es hilfreich sein, bei Stress nicht nur über Gedanken oder Gespräche zu arbeiten, sondern auch den Körper und das Nervensystem einzubeziehen.
Können wir unsere Reaktionen verändern?
Die wichtigste Erkenntnis aus der modernen Neurobiologie lautet:
Unser Gehirn ist veränderbar.
Diese Fähigkeit nennt man Neuroplastizität. Sie bedeutet, dass sich neuronale Netzwerke im Laufe des Lebens verändern können.
Wir können zwar unsere vergangenen Erfahrungen nicht löschen. Aber wir können lernen, anders auf bestimmte Situationen zu reagieren.
Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern durch bewusste Übungen, neue Erfahrungen und gezielte Formen der Selbstregulation.
Wenn das Nervensystem lernt, sich besser zu regulieren, entsteht oft etwas sehr Wertvolles:
mehr innere Freiheit im Umgang mit stressigen Situationen.
Mehr Gelassenheit im Alltag ist lernbar
Viele Menschen sind überrascht, wenn sie erleben, dass sich ihre Stressreaktionen tatsächlich verändern können.
Nicht, indem man Gefühle unterdrückt oder sich einfach „zusammenreißt“, sondern indem man versteht, wie das eigene Nervensystem funktioniert und wie man es gezielt unterstützen kann.
In meinen Workshops zeige ich einfache und gut erlernbare Methoden, mit denen Menschen lernen können, ihr Nervensystem zu regulieren und mit belastenden Situationen im Alltag oder im Beruf gelassener umzugehen.
Denn auch wenn kleine Auslöser manchmal große Stressreaktionen hervorrufen –
wir müssen ihnen nicht dauerhaft ausgeliefert sein.